Deadwater. Das Logbuch

397742b76467b166411bfec96afeaaf9

Inhalt: Vierzehn Jugendliche auf einem Schulschiff mitten im Ozean. Nach und nach verschwinden die Lehrer, dann die Crew. Kurz darauf erreicht die Jugendlichen ein Funkspruch auf dem uralten Fernsprecher: Wenn sie die Lehrer lebend wiedersehen wollen, müssen sie innerhalb eines Zeitfensters die ihnen gestellten Aufgaben erledigen. Sie haben keine Wahl. Oder etwa doch?

Was ein Drache denkt: Ich war schon seit längerer Zeit auf der Suche nach einem Krimi, der auf einem Kreuzfahrtschiff oder zumindest auf einem Boot spielt. Für Empfehlungen außer ‘Passagier 23′ bin ich immer offen! ‘Deadwater’ kam meiner Vorstellung von einem Krimi/Thriller auf beengtem Raum mit dem Mörder unter den unschuldigen Passagieren schon mal nahe, auch wenn die Geschichte schließlich eine ganz andere Wendung genommen hat. Diesmal muss ich auch den Klappentext loben, der gerade richtig zum Lesen anregt, ohne zu viel zu verraten. Die Inhaltsangabe auf der Verlagsseite von Dressler hingegen ist schon arg spoilerisch (do not read!).

Das Logbuch setzt sich aus Beiträgen der Jugendlichen zusammen. Dabei wird immer die Ich-Perspektive verwendet und bei so vielen verschiedenen Personen hatte ich anfangs Mühe nachzuvollziehen, wer gerade das Wort hat. Irgendwo mitten im Buch findet sich eine Zeichnung von Schiff und Besatzung, die ich gerne am Anfang gehabt hätte, um mich besser auf dem Boot einleben zu können. Sollte jemand das Buch noch nicht gelsesen haben, ein Tipp: HINTEN im Buch ist ein Personenverzeichnis! Auf das ich gestoßen bin, als ich die letzte Seite umgeblättert habe. Natürlich. Zusätzlich zu den kurzen Einträgen finden sich an allen Seitenrändern weitere Kommentare vom Rest der Truppe. Dieses Extra fand ich auf den ersten fünfzig Seiten noch toll und humorvoll auflockernd, aber spätestens ab Seite 100 musste ich mich zwingen, jede einzelne Ergänzung zu lesen. Dort hätte man sparen können.

Schnell wird klar, dass die Jugendlichen verzogene Kinder von reichen Eltern sind, die statt ins Internat für sechs Monate aufs hohe Meer geschickt werden. Keine Handys, kein Internet. Bei so vielen Figuren auf so wenigen Seiten ist es schwierig, alle realistisch und glaubwürdig zu schreiben. Durch die monologartigen Kapitel schafft es der Autor jedoch den meisten Jugendlichen Dreidimensionalität zu geben.

Das knarzende Schiff und die rauhbeinige Crew haben bereits bessere Zeiten gesehen und der Leser weiß genau, dass auf diesem Boot etwas ganz gewaltig faul ist. Dann verschwindet der erste Lehrer. Als kurz darauf nur noch die Jugendlichen an Bord sind und sich bereits Panik ausbreitet, erreicht sie der mysteriöse Funkspruch. Die Situation spitzt sich immer weiter zu und dann taucht eine Leiche mit durchgeschnittener Kehle auf. Das finde ich dann doch etwas hart für ein Kinderbuch ab 12 Jahren. ‘Hunger Games’ war auch keine Sonntagslektüre, aber ‘Deadwater’ ist an der Realität so viel näher dran als das dystopische Panem, dass es zumindest mir brutal vorkommt. Im Allgemeinen ist das Buch nichts für Kinder, die sich schnell fürchten. Ich kann nicht mehr über die weiteren Gräueltaten oder die Aufgaben der Erpresser sagen, ohne den Mörder und seine Motive zu verraten, aber mir sind teilweise doch die Haare zu Berge gestanden. Die Jugendlichen befanden sich in einer moralischen Zwickmühle und gespannt wollte ich wissen, wie sie sich mit jeder neuen Aufgabe entscheiden würden. Auf die finale Auflösung musste ich wirklich bis fast ganz zum Schluss warten, was bei mir wieder Anerkennung hervorruft. Ohne zu viel verraten zu wollen, ein brisantes Thema und definitv topaktuell!

Am besten gefallen hat mir wahrscheinlich, wie die Jugendlichen mit der Situation umgegangen sind. Zweifel, Angst und Misstrauen haben das ganze Schiff in Beschlag genommen und auch wenn es Auseinandersetzungen und Probleme gegeben hat, wurden sie doch einigermaßen ruhig und logisch gelöst. Sie waren ganz auf sich allein gestellt, mussten das Schiff über Wasser halten und versuchen zu überleben. Mit der Zeit war von ihrem ursprünglichen reichen Selbst nichts mehr übrig. Ein Zitat aus dem Buch hat mir besonders gut gefallen, leider habe ich es mir nicht notiert und dann nicht mehr gefunden. Aber der Wortlaut war ungefähr: Sie waren als Kinder aufs Meer gefahren, aber als Erwachsene zurückgekommen.

Lieblingsfiguren: Mia

Fazit: Ich hatte hohe Erwartungen an das Buch, welche dann auf ganz andere Weise erfüllt wurden. Spannend, beklemmend und moralisch fragliche Entscheidungen. Das Konzept des Logbuches hat mir sehr gut gefallen, die zahlreichen Kommentare am Seitenrand nicht so sehr, obwohl sie dem ganzen einen persönlicheren Touch geben. Für meinen Geschmack etwas zu brutal für das angegebene Alter, aber ich denke, den abenteuerlustigen und hartgesottenen Kindern gefällt es. Sehr lesenswert!

Details zum Buch:

  • Autor: Tobias Rafael Junge
  • Illustrator: Nils Andersen
  • Altersempfehlung: Ab 12-15 Jahren
  • Seitenanzahl: 224
  • Verlag: Dressler
  • Erscheinungsdatum: 20.02.2017
  • Umschlag: Gebunden
  • ISBN: 978-3-7915-0049-2
Advertisements

4 thoughts on “Deadwater. Das Logbuch

  1. Vielen Dank für deine spannenden Einblicke! Ich stimme dir auch, dass es zum Teil starkerTobak ist, aber das war auch Absicht. Interessant, übrigens, dass die schweigsame Mia dein Lieblingscharakter geworden ist. Auf http://www.rabenmaul.de findest du auch noch ein bisschen Bonusmaterial (Gesamtkarte, alternatives Gruppenbild) – wenn’s dich interessiert. 😉

    Viele Grüße,
    Tobi

    Liked by 1 person

    • Hat da jemand Bonusmaterial gesagt? Bei einem Blick hinter die Kulissen bin ich immer dabei!
      Ich mag Charaktere, die im Hintergrund bleiben und mehr das Geschehen beobachten, als dass sie sich zu sehr aktiv daran beteiligen; ich selbst bin nie gerne im Rampenlicht.
      Ich freue mich sehr darüber, dass sie meine Rezension gefunden und einen Kommentar dagelassen haben! 🙂
      Liebe Grüße,
      Klaudia

      Like

      • Ich plädiere für “du”, will mich aber nicht aufdrängen. 😉 Ich persönlich mag deine Lieblingscharakterwahl und Rezensionen die nicht langweilig sind. Ich hoffe, dass Bonusmaterial sag dir zu!?

        Liebe Grüße,
        Tobi

        Liked by 1 person

        • Nachdem ich das ‘Sie’ eh schon klein geschrieben habe…
          Ich bin immer versucht, meine Rezensionen ehrlich zu schreiben, ohne verletzend zu sein. Du hast vielleicht gemerkt, dass es in 80% der Fälle nur positive Rezis sind; ich bin eher wählerisch, wenn es um Bücher geht. Deshalb gefallen mir die meisten, die ich lese. Mag oberflächlich sein, aber ich will Spaß haben, wenn ich was lese! 🙂
          Das Bonusmaterial sagt mir sehr zu! Auch dein/e Blog/Website finde ich toll- da muss ich noch ein bisschen länger stöbern. 🙂
          Bei uns in der Buchhandlung haben wir Blind Dates, wo wir Bücher einpacken und einige Stichworte zum Inhalt draufschreiben. ‘Dead Water’ ist übrigens auch dabei 😉
          Liebe Grüße
          Klaudia

          Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s