Den Mund voll ungesagter Dinge

Den Mund voll ungesagter Dinge von Anne Freytag

Inhalt: Sophie wünscht sich nichts sehnlicher, als dass ihr Leben endlich einfacher wird. Dass sie mit ihrem Vater zu dessen Freundin und ihren beiden Söhnen nach München zieht, hilft der Situation auch nicht wirklich. Jungs gab es genug in ihrem Leben, doch leider immer die Falschen. Dann trifft Sophie das Nachbarsmädchen Alex und zum ersten Mal seit ihr bester Freund Lukas nach Frankreich gezogen ist, ist sie nicht mehr einsam.

Was ein Drache denkt: Ich wollte ein Buch mit Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen. Ein Buch, das nicht nur im Drama versinkt. Ich wollte eine reale Liebesgeschichte, die nicht kitschig oder mainstream ist. Dies ist eine überarbeitete Version des Beitrages, da ich bis jetzt nicht über den Rand meiner rosaroten Brille geschaut habe. Genau das ist der Grund, warum ich Bücher nicht sofort rezensieren, sondern mir noch einige Tage darüber Gedanken machen sollte. Vieles an dem Buch vermittelt falsche Bilder für junge Mädchen, die gerade dabei sind, herauszufinden, wer sie sind. Ich wollte eine tolle Geschichte und habe mich nur auf die positiven Aspekte gestürzt und alles andere ausgeblendet. Dafür möchte ich mich entschuldigen.

Aber, zum Buch! Sophie mag Lena, die neue Freundin ihres Vaters nicht. Sie ist zu perfekt, wohnt in einem schönen Haus mit zwei höflichen, netten Jungs und macht einfach immer alles richtig. Ganz im Gegensatz zu Sophie, wie sie selbst findet. Sie schläft mit den falschen Jungs, zieht sich in ihr Schneckenhaus zurück und lässt niemanden an sich ran. Sophie vermisst eine Mutter, die sie nie wirklich gekannt hat und hasst sich dafür, dass sie Lena eigentlich doch mag. Als Leser habe ich Lena sofort ins Herz geschlossen. Sie wird überhaupt nicht als die biestige, vegane neue Freundin dargestellt, wie das Klischee leider oft vorgibt. Lena freut sich aufrichtig, dass Sophie nun auch irgendwie ihre Tochter ist. Gleichzeitig drängt sie sich Sophie nicht auf und versucht auch nicht, ihre Mutter zu ersetzen. Lena’s Charakter hat Tiefe, eine eigene Hintergrundgeschichte, Probleme, gute und schlechte Momente und ist rundum real geschrieben. Dafür ist Sophie ExtraTM. Lena und ihre beiden Jungs richten ihr das größte, hellste und coolste Zimmer des Hauses ein und Sophie will auf dem Dachboden wohnen. Sophie weiß nicht, wie hübsch sie ist, alle Jungs stehen auf sie und sie zeichnet wahnsinnig gut. Klischeetiert.

Leon und Valentin, die beiden Stiefbrüder sind total lieb; vor allem der 6-jährige Leon ist der knuffigste Schatz! Sie finden, eine große Schwester ist eine Bereicherung für die Familie und schließen sie sofort ins Herz. Grummelnd und brummelnd gibt auch Sophie zu, dass sie die beiden sehr gern hat.

Mir ist aufgefallen, dass die Jungs im Buch deutlich flacher und oberflächlicher geschrieben sind, als die Mädchen. Nik, Mädchenschwarm und Playboy und mir von der ersten Sekunde an unsympathisch, will nur Sex. Clemens, Alex’ Freund übernimmt die Rolle des Freundes, über dessen Leben man sonst auch nicht viel erfährt. Ich mag keinen von den beiden und bin ehrlich erstaunt, dass oft weibliche Charaktere so beschrieben werden. Die kann man gar nicht mögen. Hetero-Beziehungen werden schlechtgeredet und unfair dargestellt. So wie sie beschrieben werden, machen die auch sicher keinen Spaß.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nicht wirklich auf die Handlung an sich konzentriert, sondern auf die Figuren und wie sie miteinander umgehen. Vor allem Alex und Sophie, denn für deren Liebesgeschichte war ich hier. Ihre erste Begegnung hätte nicht romantischer verlaufen können (Achtung, Sarkasmus voraus): Sophie schaut rüber zum Nachbarhaus und sieht/beobachtet Alex und ihren Freund beim Sex. Anstatt sauer zu sein, lädt Alex Sophie zum Schwimmen ein und ab da beginnt die langsame Romanze zwischen den beiden.

‘Wäre Alex wirklich nur eine Freundin, würde ich nicht so genau wissen, wie ihre Lippen aussehen, weil ich sie nicht so genau betrachtet hätte. Aber das habe ich. Öfter als mir bewusst ist. Öfter als ich mir eingestehen will.’

So, da wäre schon der erste Punkt, der mich gestört hat. Sophie will sich lange nicht eingestehen, dass sie sich in Alex verliebt hat. Beschreibt es als ‘Phase’. Ihre verinnerlichte Homophobie Ich will keineswegs diejenigen beleidigen, die mit ihrer Sexualität experimentieren, was völlig in Ordnung ist! In diesem Buch aber geht es darum, zu zeigen, dass es nicht schlimm, sondern ganz normal ist, wenn man lesbisch oder bisexuell ist. Keines der Mädchen ist bi, was auch okay ist; sind beide lesbisch. Ich dachte, da Alex anfangs so glücklich mit Clemens schien, dass sie bi wäre und freute mich, endlich mal einen offenen bi-Charakter zu treffen. Fehlanzeige. Wieder mal wurden unsere unsichtbaren Einhörner übersehen.

‘Scheiße. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Ich glaube, ich hab mich in sie verliebt.’

Eigentlich sollte dieses Zitat im ersten Drittel des Buches vorkommen und die beiden Mädchen kommen sich langsam und zögerlich näher, gehen zusammen aus, haben Dates, küssen sich das erste Mal … Leider fand ich das Zitat irgendwo auf den letzten Seiten. Gut gelungen fand ich hingegen die Sorglosigkeit, mit der Sophie und Alex ihre Zeit verbringen. Sie sehen zusammen fern, schlecken Eis, schauen Filme, es gibt Familienabende mit Spielen und gemeinsamem Essen. Dieser Teil zeigt, wie eine Beziehung aussieht. Es geht nicht nur um Sex. Leider war genau das wieder ein Aspekt, mit dem ich nicht einverstanden war. Es geht nämlich doch nur um Sex. Es vergehen keine zwei Stunden, dass sie wieder im Bett landen; vollkommen okay, aber dafür bin ich nicht da. Geht doch mal ins Kino, kocht zusammen, redet bis spät in die Nacht über euch.

Alex ist in einer Beziehung mit Clemens, dem sie ihre Lust beim Sex nur vorspielt. Woah, ganz falsch! Das macht keinem Mädchen Mut?! Du magst Sex mit ihm nicht? Lieg einfach da und … spiel ihm was vor, aber bleib um Himmels Willen mit ihn zusammen! Alex’ Lösung? Schlaf mit einem Mädchen. Nein! So funktioniert das nicht! So viele Jugendliche denken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie a) keinen Sex mit einem anderen Geschlecht mögen b) keinen Sex mögen (wow, asexuals exist). Also bleiben sie in ihrer ungesunden Beziehung. Dieses Buch sollte doch Mut machen?

Alex bleibt bei Clemens und betrügt ihn mit Sophie. Warum muss sie ihn betrügen? Warum müssen in Jugendbüchern immer alle betrogen werden und betrügen? Als ich sagte, unsterbliche ewigliche Liebe nach drei Stunden in Jugendbüchern finde ich doof, meinte ich nicht, dass alle auf Games of Thrones umsteigen müssen.

Flittchen. Mein letzter Punkt. Lukas, Sophie’s bester Freund nennt sie Flittchen. Weil sie ein Mal zu viel Make-up getragen hat und oft Sex hat. *looks into the camera like I’m on the office* Mädchen dürfen Make-up tragen. Jungs dürfen Make-up tragen! Jeder darf Make-up tragen! Zu viel Make-up wird mit Flittchen gleichgestellt. Zu viel Sex als Mädchen und man ist ein Flittchen. Ein wunderbares Bild, das da vermittelt wird.

Ich wollte eine aufmunternde, mutmachende Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen und sie hat mir auch ganz gut gefallen, aber das Potenzial, das noch zwischen den Seiten liegt, wurde bei Weitem nicht ausgeschöpft. Ich will mich selbst wiedererkennen, ich will mich mit den Hauptfiguren identifizieren können. Habe ich mich anfangs auch, aber je länger ich über das Buch nachgedacht habe, desto weniger möchte ich das. Ich will darüber lesen, wie Sophie und Alex einfach zusammen auf der Couch liegen und lesen, wie sie zusammen kochen. Zusammen ins Kino gehen. Kuscheln und so zusammen einschlafen. Der Sex ist sekundär! Teilweise ist das auch sehr gut gelungen, oft aber wurde es zu schnell zu sexy.

Oh, und ich will nichts davon hören, dass nur keine Ahnung hätte!

Lieblingsfiguren: Lena, Leon

Fazit: Das Buch, die Geschichte ist voller Potenzial! Die Sprache trägt den Leser durch die Seiten und es macht wirklich Spaß, Sophie und Alex zu begleiten. ABER: Das Potenzial für eine mutmach-Geschichte wurde nicht ausgeschöpft. Zu viele Klischees und zu viele falsche Bilder, die jungen Mädchen vermittelt werden.

Andere Meinungen zum Buch:

Herr Booknerd

Ink of Books

primeballerina’s books

Details zum Buch:

  • Autorin: Anne Freytag
  • Altersempfehlung: Ab 14 Jahren
  • Seitenanzahl: 399
  • Verlag: Heyne fliegt
  • Umschlag: Kartoniert
  • Erscheinungsdatum: 06.03.2017
  • ISBN: 978-3-453-27103-6

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